Fluchtort Frauenhaus

Der 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Auch in Deutschland bleibt noch viel zu tun, denn die 350 Frauenhäuser sind meist überfüllt. Dabei können sie häufig Leben retten.

Wie wäre das Leben von Kassandra (Name von der Redaktion geändert) wohl gelaufen, wenn sie damals, 2010, keine Zuflucht im Frauenhaus gefunden hätte? Würde sie heute hier sitzen, eine junge, selbstbewusste Frau mit Familie und zwei Kindern, die nach ihrer Zeit im Frauenhaus ihr Abitur gemacht und eine Ausbildung absolviert hat und jetzt studiert? “Wahrscheinlich nicht”, sagt die gebürtige Syrerin mit einem ansteckenden Lachen, “ich bin immer noch sehr dankbar”.

Jeden Tag ermordet in Deutschland ein Partner oder Ex-Partner eine Frau – oder versucht es zumindest. Bei Kassandra ist es der ältere Bruder, der immer heftiger zuschlägt, weil ihm der Lebensstil seiner Schwester nicht passt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion flieht die damals 19-Jährige aus ihrem Haus im Westen Deutschlands, lässt Eltern und jüngere Geschwister zurück und bekommt von der Polizei den Tipp, bei einem Frauenhaus anzurufen. “Ich konnte keine Sekunden länger bei meiner Familie bleiben, ich war gefangen. Ich wollte unbedingt raus in die Freiheit, es reichte”, erinnert sie sich.

Frauenhaus erste Station für das neue Leben

Kassandra klaubt ihr letztes Geld zusammen, setzt sich in den Zug und steigt drei Stunden später in dem Ort aus, in dem gerade ein Platz in einem Frauenhaus frei geworden ist. Hauptsache, möglichst weit weg von zu Hause. “Ich hatte nichts, keine Kleidung, kein Essen, nichts”, betont Kassandra, aber die Angst vor dem, was jetzt kommt, wird ihr schnell genommen: “Eine Bewohnerin des Frauenhauses hat mich abgeholt, also eine Leidensgefährtin, mit der ich heute noch Kontakt habe. Den Tag werde ich nie vergessen!”

In Deutschland können Frauen jederzeit eine bundesweite Hotline anrufen

Sechs Monate ist das Frauenhaus ihr neues Zuhause. Ein Frauenhaus mit wenig Platz, das gleichzeitig Kinderhaus ist, denn viele Frauen flüchten mit ihrem Nachwuchs. “Für mich haben sie extra ein Zimmer unter dem Dach eingerichtet, damit ich da für die Schule lernen konnte”, denkt Kassandra mit einem Lächeln zurück. Anfang 2011 findet sie mit Hilfe des Frauenhauses eine eigene Wohnung. Der Start ins neue Leben kann beginnen.

Vor allem 25- bis 35-jährige Frauen suchen Schutz

Es sind Geschichten wie diese, die Margarete Kramer und Ulrike Große-Kreul motivieren, jeden Tag mit großem Engagement weiterzumachen. Seit 30 Jahren arbeiten sie beide im Frauenhaus Bonn, haben ein Ohr für Frauen, die sich in die Beratungsstelle trauen, sammeln mitten in der Nacht Frauen auf, die wegen häuslicher Gewalt auf die Straße geflohen sind, und schlichten, wenn im beengten Frauenhaus der Lagerkoller ausbricht.

“Die meisten Frauen sind zwischen 25 und 35 Jahre alt, quer durch alle Schichten”, erklärt Große-Kreul, und Kramer ergänzt mit einem Lächeln: “Aber wir hatten auch schon mal eine 70-Jährige hier. Die hat gesagt, wenn sie vorher von den Frauenhäusern gewusst hätte, hätte sie ihren Mann schon viel früher verlassen!”

Deutschland schützt seine Frauen zu wenig

Die Realität hierzulande ist aber: Es gibt viel zu wenige Frauenhäuser für viel zu viele Frauen, die Schutz suchen. Insgesamt 15.000 Plätze fehlen in ganz Deutschland. Am Morgen musste die Beratungsstelle eine Frau aus Aachen vertrösten, die schon fest mit einem Platz im Bonner Frauenhaus gerechnet hatte.

Frauenhaus in Bonn (DW/O. Pieper)

Viele Frauen kommen mit ihren Kindern zur Frauenberatungsstelle in Bonn

Gerade einmal 44 Plätze (inklusive Kinder) gibt es für schutzsuchende Frauen in der 330.000-Einwohner-Stadt Bonn. “Wir müssen jeden Tag einer Frau absagen, weil wir schlichtweg keinen Platz haben”, klagt Ulrike Große-Kreul.

Gewalt geht bis hin zum Mord

Dabei kann es schon dramatische Folgen haben, selbst wenn die Frauen bereits den Absprung ins Frauenhaus geschafft haben, erzählen die beiden Sozialarbeiterinnen: “Wir haben erlebt, wie eine Frau vor unseren Augen und denen der Kinder von ihrem Mann erschossen wurde.” Kurz zuvor hatte er noch beteuert, er sei mit der Trennung einverstanden.

Kein Einzelfall, insgesamt vier Frauen wurden ermordet, seit Margarete Kramer und Ulrike Große-Kreul beim Frauenhaus in Bonn arbeiten. “Das ist auch für uns natürlich knallhart”, so Kramer. Bei jedem Anruf einer Frau in Not schwingt daher die Angst mit, die Gefahr, in der sie sich befindet, nicht richtig einschätzen zu können.

Angst auch nach zehn Jahren noch da

Bei jungen Frauen wie damals bei Kassandra werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, schnell zu helfen. Einige von ihnen wollen später etwas zurückgeben, Kassandra hilft heute den Frauen, die jetzt im Frauenhaus sind, eine Wohnung zu finden. “Ich bin nicht traurig darüber, so wie es gekommen ist, ich würde es definitiv wieder so machen”, blickt die Studentin zurück, “jetzt geht es mir sehr gut.”

Frauenhaus in Bonn (DW/O. Pieper)

Seit 1986 hilft die Frauenberatungsstelle in Bonn Opfern häuslicher Gewalt

Kassandra musste dafür große Opfer bringen, zu ihrer Familie hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sie hat damit abgeschlossen, “das wird nichts mehr”. Was aber noch da ist, sind die Gefühle, wenn jemand auf der Straße ihrem großen Bruder ähnlich sieht. “Ich habe immer noch jeden Tag Angst”, beteuert Kassandra.

“Jede Frau muss in einem Frauenhaus einen Platz bekommen können”

Ihr eindringlicher Appell an die Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden: “Den Mut haben zu gehen und nicht ewig abzuwarten. Wenn man es unbedingt will, dann schafft man es auch. Selbst wenn man allein ist oder sich allein fühlt.” Kassandra hatte damals die Hilfe ihres Freundes, mit dem sie immer noch zusammen ist und heute zwei Kinder hat – und natürlich die Unterstützung des Frauenhauses.

Die deutsche Politik dürfe deswegen bei einer Institution, die Leben retten kann, nicht sparen, fordert Kassandra: “Auch für zwei Wochen muss jede Frau in einem Frauenhaus einen Platz bekommen können. Keine Frau darf im Jahr 2019 abgewiesen werden.”

Nguồn: https://www.dw.com/de/fluchtort-frauenhaus/a-51363047?maca=de-rss-de-all-1119-xml-mrss

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